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Über Begegnungen durch Schreiben

„Schreiben ist Begegnung mit sich selbst“, formulierte die Lyrikerin und Schriftstellerin Hilde Domin.

Wie recht sie hat.

Denn dieser Satz ist, wie viele ihrer Sätze, keine abgenutzte Floskel, keine aufgedunsene Hülle, kein übermotiviertes Heilsversprechen heutiger Lebenshilfe-Meister. Er klingt vielleicht auf den ersten Moment so, als wolle er zu viel, dieser Satz. Aber das tut er nicht. Er will gar nichts. Er stellt nur fest.

Hilde Domin war Jüdin, Deutsche, Flüchtling, Heimkehrerin, Verlassene. Sie war Schriftstellerin, aber in erster Linie war sie Lyrikerin – und im Schreiben fand sie ihre Stütze im Leben.

Ich habe meine Montagabend-Schreibkurse nach ihrem Satz bennannt: „Im Schreiben sich selbst begegnen“. Denn ich wollte Menschen anziehen, die sich davon angesprochen fühlen. Ich bin nicht sicher, ob sie wirklich deswegen gekommen sind. Aber ich bin sicher, sie haben ihn erlebt!

Sie sind sich begegnet in einem ‚Moment zum Rahmen‘; in der Arbeit mit Gedichten, die zu eigenen Wortgeschöpfen umgestaltet wurden; im biografischen Schreiben über Lebensstationen. Sie sind sich begegnet in der Erinnerung an Erlebnisse, Menschen, Momente. Erinnerungen, die in ihnen Freude, Glück, Liebe und Dankbarkeit hervorruft. Sie sind sich begegnet in der Selbst-Ver-Sicherung dieser Erinnerungen als Teil ihres heutigen Seins. Durch das Schreiben darüber.

Und ich? Ich bin diesen Menschen ebenfalls begegnet. Bin berührt von ihrer Offenheit, ihrem Sich-Einlassen und ihrem Vertrauen in sich – und ich mich und den geschützten Raum unserer Werkstattatmosphäre. Ich genieße die Stille im Raum, wenn die Teilnehmer versunken in ihr Schreiben sind, malen, collagieren, passendes Material suchen und ganz bei sich und ihrem Werk sind. Und dann beim Vorlesen der Texte, wenn ich spüre, jemand berührt sein eigenes Herz, dockt an seinen Hafen an und geht an Land, gestärkt und freudig über das, was ihn da erwartet – dieser magische Moment ist es, der mich beglückt, zu tiefst berührt und mit großer Dankbarkeit erfüllt.

Denn auch ich begegne mir selbst: Als Werkstattleiterin. Als Moderatorin. Als Wegbegleiterin. Und mit jeder Begegnung wachse ich und weiß, ich bin auf dem richtigen Weg.

 

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