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Mein Mitbewohner Zweifel

Mein Mitbewohner ZweifelIch habe einen Mitbewohner, der einfach nicht ausziehen will. Seit Jahren füttere ich ihn durch, bin mal verständnisvoll, mal streng mit ihm, packe seine Koffer und werfe ihn aus der Wohnung. Aber es hilft nichts. Er steht immer wieder vor meiner Tür. Und ich lasse ihn herein. Er heißt Zweifel.

Zweifel ist treu wie tausend Seelen und er weiß immer, wie er mich herum bekommt. Er klammert sich an mein Herz und drückt es so fest an sich, das es stöhnt. Er klettert durch die enge Speiseröhre hinauf in meinen Mund und legt sich faul auf meine Zunge. Schiebt mir schwere bedenkliche Wörter in den Mund: „Du nun wieder!“, „Bist du wirklich sicher?“, „Nie bist du zufrieden mit etwas!“, „Das schaffst Du nicht!“. Danach packt er sein Steigwerkzeug aus und klettert in meinen Kopf. Hämmert spitze Steigeisen in die Wände meiner Gehirnschalen und schlingt starke Seile um freie Vorsprünge – nur um ganz hinauf zu kommen an sein Ziel: meine Hirnanhangsdrüse! Den Hypothalamus. Hat er den einmal erobert, steht es wirklich schlecht um mich.

Zweifel hat stachelige spitze Haare wie Nadeln, am ganzen Körper. Er ist klein und rund, mit einem Kugelgesicht, in dem winzige Knopfaugen listig hin und her blinzeln und jede meiner Regungen beobachten. Und er hat spitze Eckzähne, die ganz schön gemein zubeißen können. Statt Armen und Beinen sind ihm für seine Dienste schlimme Werkzeuge gewachsen: Rechts hat er einen langen Messer-Arm mit scharfer Klinge zum Durchtrennen von Hoffnungen. Links einen Scheren-Arm, mit dem er aus kleineren Wünschen Schnipsel macht. Das allerschlimmste aber sind seine Spritzen-Beine: Mit ihren feinen Injektionsnadeln kann er jedes Körperorgan vergiften, betäuben oder aussaugen.

Gewöhnlich ist er still in seinem Zimmer, aber sein Instinkt schläft nie und er lauert auf jede Gelegenheit, mich zu ärgern. Gerade sitze ich gemütlich auf dem Sofa und schmiede Urlaubspläne. Surfe durch das Internet und entdecke diese unfassbar tolle Yoga-Reise nach Marokko in die Wüste. Wollte ich nicht schon immer in die Wüste? Natürlich – und das hier ist die Gelegenheit. Auf was warte ich dann noch? Auf was ich warte? Ich muss nicht warten. Zweifel ist schon zur Stelle. Eben noch faul rumgelungert, im Dickdarm, im Oberschenkel – keine Ahnung wo er sich rumgetrieben hat – aber nun ist er da. Hellwach. Essenszeit: „Viel zu teuer!“ kreischt er mir ins Ohr und piekst mich in die Lippe, so dass ich auf ihr herum kaue. „Ganz alleine?“ Jetzt kratzt er mit seinen scharfen Eckzähnen an meinen Magenwänden entlang, dass es mir ganz mulmig wird. „Und wenn es Dir nicht gefällt?“ Er hat schon die Schere und das Messer in der Hand – aber dieses Mal bin ich schneller und komme ihm zuvor. Klick! Gebucht! Puh, noch mal gut gegangen. Dann gehe ich sofort joggen. Denn eines hasst Zweifel wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser: Sport. Hitze. Schwitzen. Denn dann produziere ich Dopamin. Und Dopamin ist der Erzfeind von Zweifel. Gegen das Glückshormon hat er nämlich keine Chance. Es fegt ihn vom Tisch wie mit einem Wasserwerfer und deshalb hat er Angst vor ihm – und ich gewinne diese Runde.

Manchmal aber sind Entscheidungen nicht so schnell und leicht zu treffen, wie einen Urlaubsflug zu buchen. Manchmal sind Entscheidungen lang und schwer für mich. Zweifel hat dann volle Arbeit geleistet, liegt vollgefressen und mit dickem Bauch, zufrieden lächelnd in meiner Hirnanhangsdrüse und lässt das Glückshormon ein Hormon sein. Keine Feinde in Sicht! Zweifel hat seinen Spaß und fährt Kopfkarussell auf einem grunzenden Schwein. Immer schneller. Runde um Runde. Er lacht dabei so laut, dass meine Ohren klingeln. Er hat genügend Zweifelgift in seinen Spritzen – das reicht noch für ein paar Tage. Und ich bin wie gelähmt, hundemüde, kann aber trotzdem nicht schlafen und schon gar nicht joggen.

Zweifel kann seine Größe verändern. Er merkt sofort, ob eine Entscheidung ihm viel oder wenig Futter bietet. Wenn der Tisch reich gedeckt ist, frisst er sich schmatzend voll, bläht sich auf wie ein Luftballon und aus einem eben noch kleinen Zweifelzwerg wird ein richtig großer Zweifelriese, der selbstzufrieden seine Macht genießt. Das Verrückte bei Zweifel ist aber, dass er ziemlich scheu ist. Nie zeigt er mir gerne oder freiwillig sein Gesicht. Vielleicht weil er weiß, wie hässlich er ist.

Wie auch immer, er hat mich gefunden. Ich war sieben oder acht, vielleicht auch schon zehn Jahre alt. Ich betrachtete die Fotoalben meiner Familie, Bilder meiner älteren Geschwister als Babies. Meine Schwester, frischgeboren, auf dem Arm meiner Mutter. Meine Tante lächelnd daneben und auch mein Bruder, damals drei Jahre alt, grinst am unteren Ende des Bildes. Es waren viele Bilder – nur kein einziges von mir! Nicht eines dieser kleinen schwarz-weiß-Fotografien mit dem weißen Rand gab es, auf dem ich als Baby zu sehen war. Das war doch seltsam! Der Fotoapparat war kaputt und alle Bilder von Deiner Taufe waren futsch, hatte meine Tante entschuldigend gesagt. Und meine Mutter? Sie sagte nichts. Das war doch seltsam! Da zog Zweifel bei mir ein. Noch selbst ein Baby, aber er war es. War ich wirklich das Kind meiner Eltern? Natürlich war ich es. Aber Zweifel lachte.

Und er blieb. Blieb von da an bei mir wohnen. In den ersten Jahren verstand ich nicht immer, was er sagte. Aber ich spürte seine Stacheln und das Zweifelgift aus seinen dünnen Beinchen ganz deutlich. Es machte meinen Magen sauer und hungrig. „Etwas stimmt nicht mit Dir!“ rief Zweifel-Baby von dort unten und ich schob ihm ein paar Kekse in den Mund. „Du bist komisch!“ mampfte er und ich stopfte ihm noch mehr Kekse hinein. „Nicht ganz richtig!“ Seine Stimme erstickte fast im Zuckerbrei, aber ich konnte ihn noch immer hören.

Zweifel fühlte sich wohl bei mir. Ich hatte einfach immer einen vollen Kühlschrank. Und seitdem wohnt er bei mir. Bis heute. Aber ich mag ihn nicht. Ich mochte ihn noch nie leiden. Seine Schäbigkeit, seine Stacheln, sein Gift – ich hasste ihn. Und irgendwann begann ich mich gegen ihn zu wehren. Ich machte eine Anti-Zweifel-Therapie und entdeckte Gegenmittel: Neben der Hitze gibt es noch etwas, was Zweifel nicht mag. Die Stille. Die Stille ist fast so stark wie Dopamin, denn in der Stille überlebt Zweifel nicht lange. Er prallt an ihr ab. Wie von einem Trampolin wird er von ihr zurückgeschleudert und schießt dann aus meinem Hals, durch meinen Mund, in die Luft. So lernte ich Zweifel zu bekämpfen.

Aber der kleine Kerl ist ja nicht dumm und hat vorgesorgt für diese Fälle des gewaltsamen Rauswurfes. Auch wenn ich glaube, ihn endlich losgeworden zu sein, kann er immer wieder auftauchen – wie aus dem Nichts. Denn Zweifel sät Samen aus. Zweifelkörner. Ist der Dopaminspiegel in meinem Körper auf ein für ihn gefährliches hohes Niveau angestiegen, muss Zweifel um sein Leben fürchten. Dann produziert er Zweifelkörner – ganz ähnlich wie ein kranker Baum Angstriebe ausbringt, um sein Überleben zu sichern. Ist mein Glück zu groß für ihn, kann er darin verbrennen wie in einem Kamin. Ist die Stille zu tief, kann er in sie hineinstürzen wie in ein schwarzes Loch und dort ertrinken. Dann glaube ich, ich bin ihn los. Doch im Moment seines Todes, bevor er zu Zweifelstaub zerfällt, spukt der sterbende Zweifel mit seinem letzten Atemzug die Samen aus. Sie fallen in meine Organe, unsichtbar wie Tellerminen auf einem nicht geräumten Kriegsfeld. Und dort liegen sie dann und müssen einfach nur warten. Auf das richtige Klima. Die passende Stimmung. Die nächste Entscheidung: Diese Schuhe oder doch die anderen? Sind sie nicht zu hoch? Sitzt der Rock nicht zu eng? Du bist viel zu fett! Dann dauert es nicht mehr lange und der Zweifelsamen geht auf. Messer- und Scherenhand schieben sich langsam durch das Fleisch und die ersten Spitzen kommen zum Vorschein. Neuer Zweifel wird geboren. Mit jeder Frage, die ich ihm stelle, kann er wachsen, und wieder gefährliches Zweifelgift für seine Spritzenbeine produzieren. Noch sind sie nicht zu sehen. Und dieses Mal schaffen sie es auch nicht, herauszukommen aus meinem Fleisch. Denn ich packe in Windeseile Schuhe und Rock und renne zur Kasse.

Doch seit kurzem verändert sich mein Verhältnis zu meinem Mitbewohner Zweifel. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich seine Einstellung zu meinen Fragen gar nicht mehr so schmerzhaft finde. Einmal, da hat er mir sogar wirklich geholfen, mich regelrecht bewahrt vor einer falschen Hoffnung und meine Seele sogar beschützt! Ich hatte ein Gespräch mit meinem neuen Chef, den ich auf Anhieb mochte. Er schien ausgesprochen offen zu sein, sich für meine Meinung zu interessieren und ich war bereit, sie zu teilen und sogar Wünsche zu formulieren. Und dann freute ich mich, als er in plauderndem Ton auf darauf einging, mit mir Visionen schuf für meine berufliche Zukunft und darüber, was aus mir noch werden könnte unter seiner Führung. Wow, dachte ich. Der ist ja toll! Endlich sieht mich einer!

Doch schon bald klopfte mein Freund Zweifel an der Tür. Ganz leise. „Mann, Du schon wieder, was ist denn?“ „Ich wollte nur sagen“, krächzte Zweifel mit seiner hohen Stimme, „ich glaube, der meint das nicht so, Dein neuer Chef. Ich glaube, du täuschst Dich!“ „Mensch Zweifel, vermies mir doch nicht schon wieder alles, ich hab’s langsam satt“, jetzt war ich echt böse und schlug ihm die Zimmertür vor der Nase zu. „Lass mich einfach in Ruhe! Und wetz ruhig Deine Werkzeuge – ist mir doch egal.“ Aber dann, als ich meinen neuen tollen Chef mit den guten Ideen wieder zum Gespräch traf und ihn vorsichtig auf die Umsetzung unserer gemeinsamen Ideen ansprach, da beschwichtigte er mich. Wir müssen mal sehen, was wir für Sie tun können, sagte er, es wird da sicher das eine oder andere interessante Projekt geben. Projekt? Ich verstand nicht ganz. Wissen Sie, ich kann ja nicht jeden glücklich machen, nicht auf jeden Wunsch eingehen. Das verstehen Sie doch sicherlich. Das saß. Das traf. Der Groschen war gefallen: Seine Worte waren nicht ernst gemeint gewesen. Sie hatten für ihn nicht die gleiche Bedeutung gehabt, wie für mich.

Zweifel hatte Recht gehabt und zum ersten Mal fühlte ich so etwas wie Sympathie mit ihm – und ein wenig Dankbarkeit. Er hatte mich gewarnt. Und ich? Wollte nicht auf ihn hören.

Als ich nun am Abend auf der Couch liege und gedankenverloren an die Deck starre, taucht Zweifel auf. Auch er hat sich verändert. Seine Zähne sind nicht mehr ganz so spitz, wie ich sie in Erinnerung hatte. Er lächelt schief. Und aus dem Messer und der Schere an seinem Rumpf ist ein Löffel und eine Gabel geworden und seine Beine, die einst so gefährlichen Spritzenbeine, sehen auch plötzlich nicht mehr ganz so gefährlich aus. Vorsichtig kommt er zu mir und achtet peinlich darauf, mich nicht zu piksen. „Du hattest Recht“, murmle ich, „er ist ganz anders als ich dachte. Eben so… so unverbindlich…“ Ich spüre meine Enttäuschung und unterdrücke nur mühsam ein paar Tränen. Zweifel sagt nichts. Er guckt mich nur an. Und ich ihn.

Und dann lächle ich plötzlich – und ich begreife, wir können Freunde sein.

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