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Die Zeitfresser

I. Kapitel: Unsichtbare Diebe

Ein Minutenkiller

Ein Minutenkiller – weitere Skizzen hier

Es geht etwas vor in diesem Land, in dieser Welt. Etwas echt Gemeines. Eine Art globaler Zeitenwandel ist im Gang, eine echte Weltverschwörung, eine fremde Invasion! Sie ist schon längst im Gange, aber nur wenige Menschen haben bisher verstanden, was wirklich passiert. Ich bin einer dieser Menschen. Ich habe sie gesehen, die Invasoren. Es sind Diebe, Räuber, Halunken, Gauner – ganze Armeen sind unterwegs, um uns – ja auch Ihnen – nur eins zu stehlen: Ihre Zeit! Zeit zu lieben, Zeit zu essen, Zeit zu helfen, nichts zu tun, kreativ zu sein. Zeit sich hinterm Ohr zu kratzen oder auf der Couch zu liegen und Musik zu hören. Zeit, mit dem Nachbarn zu plauschen, das Badezimmer selbst zu putzen oder morgens einfach eine Stunde länger im Bett zu bleiben. Wir haben keine Zeit! Und schuld daran sind die Zeitfresser. Sie sind winzig klein und für normale Menschen unsichtbar. Aber ich kann sie nicht nur hören und fühlen, ich habe es auch geschafft, sie zu Gesicht zu bekommen. Durch Zufall. Aber dazu später mehr. Zunächst müssen Sie verstehen, wer die Zeitfresser sind.

Sie bestehen aus kosmischem Molekular-Gel, das Zeit absorbieren kann. Statt Hände und Füße besitzen sie klebrige Fangarme, mit denen sie die menschliche Zeit einfangen, ja rauben, und dann in ihren Magen schaufeln. Naja, sie haben keinen Magen im herkömmlichen Sinne, sie haben eine tickende Uhr, da wo wir den Magen haben. Eine Uhr mit vielen vielen Zeigern, die verrückt spielt, wenn sie Hunger hat. Und sie hat immer Hunger. Die Zeitfresser haben auch einen riesigen Mund mit spitzen Zähnen. Die brauchen sie, um die Zeitbesitzer zu ärgern, zu piksen oder zu beißen, wenn diese zu störrisch sind, ihre eigene Zeit herzugeben.

Wie gesagt, Zeitfresser haben immer Hunger. Sie sind niemals, wirklich niemals satt. Haben sie irgendwo ein paar kurze Sekunden aufgeschnappt, bekommen sie schon Appetit auf längere Minuten, oder gar fette Stunden. Manchmal erobern sie sogar Tage oder Monate. Deshalb sind sie in Zeit-Einheiten organisiert. Es gibt Sekundenschlucker, Minutenkiller, Stundenpflücker aber auch Tagesdiebe und Monatejäger. Aber die beiden letzten sind eher selten. Die Sekundenschlucker, Minutenkiller und Stundenpflücker sind am Weitverbreitesten – sie sind überall und schlafen nie. Und darum sind sie für uns auch zeitnah gefährlich.

Wenn ich morgens im warmen Bett liege und der Wecker laut klingelt, sitzen die bösen Wichte schon auf meiner Bettdecke, verschlingen in Windeseile die wenigen Minuten, die mir bleiben, und zwingen mich so irgendwann hektisch aus den Federn zu springen. Ich muss mich dann fürchterlich beeilen und durch ihr hämisches Lachen fällt mir die Kaffeetasse aus der Hand und zerspringt in tausend Scherben auf dem Küchenboden. Das kostet wieder Zeit und die verschwindet natürlich in ihren hungrigen Mäulern. Im Auto sitzen sie neben mir auf dem Beifahrersitz und schalten jede Ampel auf rot. Wirklich! Sie benutzen eine Zeitschaltuhr als Fernbedienung. Gerade noch ist die Ampel grün, aber wenn ich heran rolle, wird sie rot. Das kann kein Zufall sein. Und dann muss ich an jeder einzelnen Ampel warten, blicke nervös auf meine Uhr und werde langsam ungeduldig. Du Penner, fahr doch! Herrgott!

Im Büro dann, ich bin gerade dabei meine morgendlichen E-Mails zu lesen, klettern die listigen hässlichen Kerle in meinen Nacken, zupfen an meinen Haaren und kreischen in mein Ohr: „Hey! Zeit, zum Frisör zu gehen!“ Was jetzt? Ich unterbreche meine Arbeit und schreibe meinem Frisör eine Whatsapp-Nachricht. Er antwortet sofort. Ich schreibe zurück. Nach siebeneinhalb Minuten Hin und Her-Schreiben haben wir einen Termin gefunden und ich trage ihn in meinen Kalender ein. Jetzt schnell weiter mit den E-Mails. Dann klingelt das Telefon. Ein Kollege. Ich versuche seine Frage schnell, aber freundlich zu beantworten, und lege dann auf. Nur weiter mit den E-Mails. Das Telefon klingelt schon wieder. Mann! Kann ich hier mal in Ruhe arbeiten? Lass mich doch in Ruhe! Ich bin jetzt sicher, die Zeitfresser stecken dahinter: Mit ihren telemagnetischen Sensoren haben meine Minutenkiller Kontakt zu den Sekundenpflückern des Kollegen aufgenommen und nun terrorisieren sie uns gegenseitig. Und die einzigen, die etwas davon haben sind die Zeitfresser selbst. Mein Zeitgefühl erstickt in Hektik. Zur Krönung des Tages habe ich ein zweistündiges Meeting mit meiner Chefin und drei weiteren Kollegen. Es ist gähnend langweilig und endet ohne Ergebnis. Die erste halbe Stunde werden Belanglosigkeiten ausgetauscht und dann den Rest der Zeit damit verbracht, bereits beschlossene Dinge wieder in Frage zu stellen, neue Arbeitsaufträge zu überlegen, sie aber weder schriftlich festzuhalten noch konkreten Personen zuzuweisen. Das machen wir später. Aha! denke ich. Jaaa, rufen die Stundenschlucker und reiben sich die Hände. Das war wirklich fette Beute!

Wie gesagt, die meisten Menschen wissen nichts von den Zeitfressern. Auch meine Vorgesetzten, Kollegen und Freunde nicht. Aber die Zeitfresser sind gut organisiert und haben nahezu die ganze westliche Hemisphäre vollständig besetzt. Unternehmen, Familien, Verwaltung, Politik und Gewerkschaften, Schulen, Lehrer, Einwohnermeldeämter – überall sind sie aktiv. Ja sogar in Kindergärten und Krankenhäusern. Besonders dort auf den Stationen liegt immer viel Nahrung herum und die Krankenschwestern, Ärzte und Patienten hecheln dann durch immer kürzere Tage und noch kürzere Nächte.

So kann es nicht weitergehen. Und muss es auch nicht. Denn es gibt ein paar Mittel gegen die lästigen Räuber. Noch haben sie das Spiel um die Zeit nicht vollständig gewonnen und ich bin gerne bereit mein Wissen zu teilen. Denn ich brauche Verbündete im Kampf gegen die gemeinen und hinterlistigen Invasoren. Zum einen haben die Zeitfresser – wie alle irdischen und nichtirdischen Wesen – natürliche Feinde. Sie gilt es mit aller Macht zu stärken und zu unterstützen im gemeinsamen Kampf um die freie Zeit. Und dann kann jeder einzelne etwas gegen sie tun.

Die natürlichen Feinde:

Die natürlichen Feinde der Zeitfresser sind die – Sie ahnen es sicher schon – genau, die Zeitfänger! Sicherlich kennen sie aus den Kinderzimmern ihrer Lieben oder aus den Esoterik-Shops und Ökomärkten die kleinen Gehänge mit dem gewobenen Netz um einen runden Rahmen und Federn, die an den Seiten herunterhängen. Man nennt sie Dream-Catcher – Traumfänger. Sie sind ein findiger Abklatsch, eine verkäufliche Variante der Zeitfänger. Vermutlich hat jemand, der die gleichen Fähigkeiten besitzt wie ich, irgendwann einmal einen Zeitfänger gesehen – mir selbst blieb das lange verwehrt, aber ich kenne die Beschreibungen aus informierten Kreisen – und mit viel Geschäftssinn daraus ein Produkt hergestellt, dass die Menschen mögen und noch lieber kaufen. Daran ist nichts Verwerfliches. Jedoch möchte ich auf den Ursprung hinweisen, sozusagen die Quelle der Erfindung: Die Zeitfänger. Im Gegensatz zu ihren käuflichen Verwandten sind sie lebende, freundliche Wesen und unsere besten Verbündeten im Kampf gegen den Zeitverlust. Ihre Körpermitte besteht aus einem kunstvoll geflochtenen Netz, in dem sich Zeit verfangen kann, sanft aufgefangen wird. Ihre feinen weichen Federhände und Federfüße helfen dabei, Zeit in ihre Mitte wehen zu lassen. Das leise Rauschen der Zeit – haben Sie es schon einmal gehört? Es ist wunderbar. Die Zeitfänger sind fröhlich und wirken beruhigend auf die Menschen. Auf ihrem Kopf leuchtet ein gelber Sensor. Er signalisiert ihnen ob irgendwo da draußen Zeit frei wird. Und dann eilen sie flink herbei und fächern die wertvollen Sekunden und Minuten vorsichtig in ihr Netz. Damit sie nicht verloren gehen, füllen sie die Zeit in Zeitflaschen und verschließen sie mit einem Korken, der nach Faulheit riecht. Die Flaschen sind so festverschlossen, dass die Zeitfresser sie nicht öffnen können, und außerdem mögen die den Geruch auch nicht. Aber wenn wir – also Sie oder ich – von der Arbeit nach Hause kommen und wir Glück haben und der Tag gut gelaufen ist, steht da vielleicht ein Fläschchen Zeit auf dem Küchentisch bereit für uns. Ich lege mich dann meist auf den Balkon in den Liegestuhl, nuckle an meinem Zeitfläschchen und blicke in den Himmel. Herrlich!

Und hier kommen wir auch schon zu einem weiteren Mittel gegen Zeitfresser:

Die Zeitfenster.

Ich habe sie zufällig entdeckt an einem dieser Abende. Gerade hatte ich von den Zeitfängern eine halbe Stunde Zeit geschenkt bekommen. Ich lag gemütlich und faul in meinem Liegestuhl, schlürfte laut und döste so vor mich hin. Aber dann, durch meine halbgeschlossenen Augen sah ich plötzlich etwas Schemenhaftes vor mir. Es war ein Fenster. Es ging um den Balkon herum und war blendend weiß mit wunderschönem Glas, durch das die Welt dahinter in herrlich satten Farben erstrahlte. Träumte ich? Ich blieb regungslos liegen und starrte auf das Fenster. Der Rahmen schimmerte metallisch und ich wusste instinktiv, er war auch magnetisch. Ich kann nicht mehr sagen, warum ich das wusste, aber er war es. Denn dann sah ich sie: die Zeitfresser. Minutenkiller und Sekundenschlucker versuchten von außen durch das Fenster zu kriechen, zu klettern, hindurch zu fliegen – aber sie schafften es nicht. Vielmehr wurden sie vom Fensterrahmen angezogen und blieben an ihm hängen. Sie klebten fest – und wurden im Moment der Berührung sichtbar, so dass ich sie zum ersten Mal sehen konnte. Unten in der rechten Ecke hing gerade ein Minutenkiller – ich erkannte ihn am Ziffernblatt, das von 1 bis 60 ging – und jämmerlich das Gesicht verzog, geblendet von der Helligkeit des Metallrahmens. Und dann geschah etwas, was mir fast den Atem nahm: Ich sah wie der Minutenkiller verblutete. Wie die Minuten aus ihm herausflossen und er dabei immer kleiner wurde, bis er sich schließlich mit einem lauten Puff auflöste, der sich anhörte wie der Schuss in eine Plastik-Rose auf dem Jahrmarkt. Aber noch bevor die Minuten sinnlos versterben konnten, war schon ein Zeitfänger zur Stelle – auch ihn konnte ich nun deutlich sehen – und fing die kostbaren Gaben auf. Es war einfach fantastisch! Ich rieb mir die Augen und schlief kurze Zeit später ein.

Als ich nach einer Stunde aufwachte, lag ich immer noch im Liegestuhl. Das Zeitfenster war weg, aber ich zweifelte keinen Moment an meinem Erlebnis. Nur eines hatte ich noch nicht verstanden: Wie entstanden die Zeitfenster? Konnte ich sie selbst bauen? Wo konnte ich sie kaufen? Ich musste das wissen und recherchierte stunden- und tagelang im Internet. Ohne Erfolg. Dann fragte ich einen Tischler in der Nachbarschaft und einen Rahmenbauer im Viertel, ich rief die Handwerkskammer an und die Verbraucherzentrale. Aber keiner konnte mir helfen, viele legten sogar einfach auf. Ich war vollkommen ratlos.

An einem der folgenden Abende war ich schließlich mit Freunden verabredet und ließ mich zu einem Glas Rotwein überreden. Und dann noch eins. Und noch eins. Der Wein begann zu wirken und zum ersten Mal seit Tagen dachte ich nicht an die Zeitfresser und wie ich sie töten konnte. Ich vergaß sie mit jedem Schluck. Dachte nicht mehr an sie und genoss einfach nur die heitere Gesellschaft und den Wein. Und dann plötzlich tauchte etwas auf, aus dem Halbdunkel der Weinstube konnte ich es sehen – hinter Ulrikes Rücken, da war es: ein Zeitfenster! Und wir alle saßen davor. War es denn möglich? War das wirklich ein Zeitfenster? Ich rief: Ha, schaut mal da ist es! Das Zeitfenster. Und ich zeigte mit langem Finger hinter Ulrike. Die anderen lachten: Zeitgespenst? Ich hatte wohl schon etwas undeutlich gesprochen und meine Zunge war mehr als schwer. Niemand außer mir sah es. Trotzdem begriff ich in diesem Moment das Geheimnis ihrer Existenz. Die Zeitfenster entstehen, wenn wir die Zeit vergessen. Wenn wir einfach sind, im Hier und Jetzt, nicht dort und morgen, nicht weiter und fort, sondern nur jetzt! Dann entstehen Zeitfenster wie ein Schutzwall um uns herum und die Zeitfresser bluten an ihren magnetischen Rahmen aus. Es war genial einfach!

Seitdem stelle ich immer häufiger Zeitfenster auf: Wenn ich ein Buch lese, zum Sport will oder in den Urlaub fahre. Die Zeitfenster sind gedanklich immer mit im Gepäck und sie schützen mich immer öfter vor den lästigen Zeitfressern. Das glauben Sie nicht? Probieren Sie es aus. Noch ist Zeit.

II. Kapitel: Die Zeitfresser-Therapeutin

Eines Tages lernte ich Beate kennen. Ich saß im Cafe, hatte eben einen Capuccino bestellt und gerade begonnen, ein Zeitfenster aufzustellen und es mir dahinter gemütlich zu machen. „Schönes Fenster haben Sie da!“ rief eine Stimme vom Nachbartisch. Ich drehte mich um. Eine blonde Frau lachte mich fröhlich an. „Ich hab auch eins!“, sagte sie und deutete vor sich. „Wie gefällt es Ihnen?“ Und tatsächlich – ich konnte ihr Zeitfenster sehen. Es war höher als meins – und deutlich größer. Auch schien mir der Rahmen noch etwas stärker und glänzender zu sein. „Ich bin beeindruckt“, erwiderte ich erstaunt und lächelte sie schüchtern an. Sie hatte lange Haare, die im Wind wehten, und grüne Augen hinter einer großen Brille. Noch ein Fenster, dachte ich, verkniff mir den Gedanken dann aber schnell. Denn wie sie so da saß, roter Rock, orangefarbenes Shirt, mit übereinander geschlagenen Beinen, Sandalen an den Füßen, aus denen grüne Nagelspitzen vorwitzige Farbflecke in das Sonnenlicht warfen, wie sie so da saß, irgendwie ungemein lässig, gefiel sie mir. Und noch nie hatte ich jemanden getroffen, der wie ich Zeitfenster sah und sie auch noch bauen konnte. Bis zum heutigen Tag glaubte ich mich alleine damit. „Ich bin Beate“, sagte sie und streckte mir ihren von der Sonne gebräunten Arm entgegen. „Lutz“, sagte ich und drückte ihre Hand. „Setzen Sie sich doch zu mir. Mein Fenster ist groß genug für uns zwei.“ „Und meins?“ stammelte ich überrumpelt. „Ach, das geht ja nicht kaputt!“ Sie zwinkerte mir zu.

Wir kamen schnell ins Gespräch und die Zeit verstrich wie im Flug. Aber hinter Beates Zeitfenster waren wir sicher. Die Minutenkiller hatten keine Chance und schon bald klebten die ersten Zeitfresser am Rahmen und lösten sich mit einem Puff in Luft auf. Immer wieder hörte ich es knallen. Ich fühlte mich sofort wohl in ihrer Nähe. Sie strahlte eine Sicherheit aus, die mich von Anfang an beruhigte und gleichzeitig war Beate sehr aufregend. Ich konnte nicht schätzen, wie alt sie war. Auf eine geheimnisvolle Weise wirkte sie zeitlos. Nur die kleinen Fältchen um die grünen Augen verrieten, dass sie nicht mehr blutjung sein konnte. Ich erfuhr, dass sie Therapeutin war. Zeit-Therapeutin. Sie half Menschen, Zeitfenster zu errichten und sich gegen die Zeitfresser zu schützen. Ich wusste nicht, dass es das gab und fragte interessiert nach. Beates Praxis lief gut und sie hatte praktisch immer einen vollen Terminkalender. „Kommen Sie doch mal vorbei? Sie wissen ja schon wie das geht mit den Zeitfenstern, also keine Angst. Ich will sie nicht auf die Coach legen!“ Beate lachte zum Abschied wieder so herzlich, dass ich mir fest vornahm, sie wirklich zu besuchen.

Zweieinhalb Wochen sind seitdem verstrichen, aber ich hatte einfach keine Zeit gehabt. Die Zeitfresser waren wie Heuschrecken über mich hergefallen in den letzten Tagen und es ging mir nicht gut. Aber heute ist Samstag und die Sonne scheint. Ich habe endlich nichts vor und Beate deshalb gestern eine E-Mail geschrieben, ob sie heute Vormittag Zeit habe. Aber klar, immer, die Antwort kam prompt und ich fühlte Vorfreude aufsteigen, erinnerte mich an das kribbelig-wohlige Gefühl neben ihr zu sitzen und ihre Augenfalten tanzen zu sehen, wenn sie lachte. Bist Du verliebt? Ich verdränge den Gedanken schnell und blicke auf die Uhr. Höchste Zeit! Schnell greife ich nach einer Flasche Zeitwasser im Kühlschrank – als Mitbringsel – und stürme hinaus auf die Straße.

Beates Wohnung liegt im sechsten Stock eines Altbaus, eine Dachgeschosswohnung mit schrägen Wänden, so dass ich an manchen Stellen den Kopf einziehen muss. Sie umarmt mich zur Begrüßung und ich rieche an ihrem blonden Haar einen zarten Duft. Orangenschalen. Sie trägt ein rot-weiß gepunktetes Kleid und sieht bezaubernd aus. Um ihren Hals hängt eine goldene Kette mit einem runden Anhänger, in dem sich eine kleine Sanduhr dreht, von zwei weiteren Kreisen umschlossen. Ich starre in ihr Dekolleté. „Was ist das?“ „Mein Dekolleté!“ Ich werde rot und zeige mit dem Finger in ihren Ausschnitt. „Nein, das hier, die Kette?“ „Ach das! Erzähl ich Dir später!“ Sind wir schon beim Du? Keine Zeit zu verlieren, was? denke ich.

Vom Wohnzimmer führt eine kleine Treppe auf die Dachterrasse mit einem fantastischen Blick über die Stadt. Die Luft ist warm und ein lauer Wind bläst vom Hafen sanft herüber. Ich höre leises Glöckchengeklingel und entdecke das Windspiel in einem Orangenbäumchen, dass Beate in einen großen Topf neben die Sitzgarnitur gestellt hat. „Was möchtest Du trinken? Tee, Wasser, Saft?“ „Ich nehme ein Glas Wasser, bitte.“ Meine Kehle ist ganz trocken. Ich habe Durst. Sie kommt mit Gläsern und einem Tablett zurück und wir setzen uns nebeneinander. Das Wasser schmeckt nach Orange. „So, und nun erstmal das wichtigste“, sagt Beate. Sie schließt die Augen, legt meine Hand in ihre und atmet lang und tief durch. Ich zucke ein wenig zusammen bei der Berührung, genieße dann aber ihre weiche warme Haut und den sanften Druck ihre Finger, und schließe ebenfalls meine Augen. Denke an nichts. Fühle nur diese Haut und diesen ersten intensiven aber unschuldigen Moment zwischen uns. Ganz benommen werde ich. Schläfrig. Sekunden oder Minuten später – ich habe jedes Zeitgefühl verloren – lässt sie meine Hand plötzlich los. „Jetzt darfst du schauen!“ flüstert sie langsam in mein Ohr. Der Hauch ihrer Worte kitzelt in meinem Gehörgang und ich bekomme eine Gänsehaut. Ich öffne meine Augen. Es ist vollkommen. Perfekt! Noch nie habe ich ein so schönes und so großes Zeitfenster gesehen: Es geht um die ganze Dachterrasse herum, mit einem Rahmen, der im Sonnenlicht schimmert wie flüssiges Silber. Das Fensterglas so klar, dass man es praktisch nicht sehen kann und so dünn, das es sich wie Folie im Wind bewegt und zarte Wellen wirft, als würde die Luft vibrieren. Die Farben dahinter sind von einer Sättigung, die mich hungrig werden lassen. Es ist fantastisch. Ich schaue in Beates grüne Augen und wir küssen uns.

Dann plötzlich höre ich ein leises Wimmern. Ein Schluchzen. Ist es Beate, die unter meinen Küssen leidet? Nein. Ihre Lippen sind auf meinen. Weich und sanft fühlen sie sich an und ihre Zunge hat den Weg in meinen Mund gefunden. Wieder das Wimmern. Ich fühle Beates Wärme und wie ihr Körper, der nach Orangen duftet, immer näher kommt und wie ich in diesen Kuss hineinfalle und die Zeit stehen bleibt. Da, schon wieder dieses Geräusch. Ich blinzle vorsichtig, aber Beates Augen sind geschlossen, sie scheint nichts zu hören. „Hmm…“ sage ich in ihren Mund hinein und schiebe sie sanft ein Stückchen von mir weg. „Hörst Du?“ frage ich. „Was ist denn Lutz? Magst Du das nicht?“ „Doch. Natürlich. Aber hörst Du das nicht? Hier weint doch jemand.“ „Ich höre nichts.“ Wir lauschen in die Stille. Es ist nichts zu hören. „Ok, wir küssen uns noch einmal und du hörst dabei ganz genau zu“, schlage ich vor. Beate nickt. Sie legt ihre Lippen auf meine und wieder steigt der süße Duft reifer Orangen sanft und verführerisch in meine Nase. Da, das Jammern. Ganz eindeutig. „Hmm“, sagt Beate und ich lasse sie los. „Jetzt habe ich es auch gehört“, flüstert sie. „Wir müssen ganz leise sein!“ Ich hebe meine Augenbrauen und will sie fragen, was sie meint, aber sie legt mir ihren Zeigefinger auf den Mund. Wir sitzen still nebeneinander, halten unsere Hände und Beate sucht mit den Augen das Zeitfenster ab. Ich folge ihren Blicken und so untersuchen wir Stück für Stück den silbern glänzenden Rahmen und das dünne Folien-Glas. Und dann entdecke ich ihn. Er klebt am Fensterrahmen gleich neben dem Orangebäumchen, keinen halben Meter entfernt von uns. Ein Zeitfresser. „Da schau!“ flüstere ich Beate ins Ohr und zeige auf die Stelle. „Wow, das ist ja ein Stundenschlucker! Und was für ein Kerl! Riesig! Der hat bestimmt noch drei Stunden Zeit, so fett wie der ist“, Beate ist ganz aufgeregt. „Seltsam ist nur, wie er überhaupt auf diese Seite des Fensters gekommen ist? Und warum lebt er noch?“ Beate bewegt sich langsam und vorsichtig auf ihn zu, immer näher. Sie lächelt. Der Stundenschlucker klebt noch immer fest am Rahmen und kann sich nicht bewegen. Aber deutlich kann ich das Ticken der auslaufenden Zeit hören und wie die Uhr in seinem Magen stöhnt. Beate steht vorsichtig auf und verschwindet für kurze Zeit nach unten. Dann kommt sie wieder mit einem Tuch und einem kleinen Fläschen mit orangefarbener Flüssigkeit. Sie träufelt etwas davon auf das Tuch und hält es dem Stundenschlucker vor das schmerzverzerrte Gesicht. Betäubt schließt der die Augen und noch bevor alle Zeit vollständig aus ihm herausgelaufen ist, zieht Beate ihn mit spitzen Fingern vorsichtig vom Rahmen ab und lässt ihn in ein Glas fallen. Dann deckt sie die Öffnung mit einem Orangenbaumblatt zu und strahlt mich an. „Wahnsinn, wir haben einen gefangen! Ist das nicht irre? Einen echten Zeitfresser. Das wird wissenschaftliche Geschichte schreiben. Zeithistorie!“ Beate ist ganz aufgeregt. Ich bin etwas ratlos. „Was sollen wir mit einem Zeitfresser anfangen? Ihn etwa gesund pflegen?“ frage ich im Spaß. „Das ist eine super Idee! Das machen wir! Wir peppeln ihn auf.“ „Und dann?“ „Dann sehen wir weiter.“

III. Kapitel: Der Stundenschlucker

Beate nannte ihn Ernst. „Weil er so ernst schaut“, kicherte sie. Eine Woche ist es nun her, seitdem wir den Stundenschlucker vom Zeitfensterrahmen gepflückt und ihm so das Leben gerettet haben. Beate hatte ihn vorsichtig im Glas in ihre Praxis getragen und ihn dann auf eine Mullbinde gelegt, ein volles Zeitfläschchen aus dem Kühlschrank genommen und ihn ganz leicht mit Zeitwasser bestäubt. Das schien ihm gut zu tun. Er wurde ganz still und jammerte nicht mehr so laut. Dann baute sie ein winziges Zeitfenster für ihn, eine kleine Glaskuppel mit dünnen Rahmen, und bettete Ernst darunter wie in einenm Brutkasten. Alle zwei Stunden schaute sie nach ihm und bestäubte ihn immer wieder vorsichtig mit Zeitwasser.

Jetzt, nach ein paar Tagen geht es Ernst tatsächlich viel besser. Die Uhr stöhnt nicht mehr in seinem Bauch und auch die Zeiger drehen sich wieder langsamer. Er schläft auch nicht mehr den ganzen Tag – etwas das Zeitfresser ja praktisch nie tun – sondern blickt neugierig hinter seiner Glasglocke hervor, wenn Beate sich wieder über ihn beugt und spitzt die Zähne. „Schau Lutz, ich glaube er erkennt mich schon“, freut sie sich. „Na kleiner Ernst, wie geht es Dir? Hast Du Hunger?“ Mir ist noch immer nicht ganz wohl bei der Sache, aber Beate ist Feuer und Flamme und lässt sich nicht abbringen. „Das ist die Chance, mehr über die Zeitfresser herauszufinden!“ ereifert sie sich, „Verstehst Du das denn nicht? Wir können herausfinden, wie sie funktionieren, wie ihr Körper aufgebaut ist, wie sie Zeit fressen und warum sie die am Magnetrahmen wieder verlieren. Das hat noch niemand vor uns gemacht!“ „Ja. Und wenn wir das wissen. Was machen wir dann damit?“ „Das ist Wissenschaft, Lutz! Ich verstehe wirklich nicht, warum Du so skeptisch bist.“ „Ganz einfach, weil ich nicht weiß, wohin das führt! Es ist doch alles gut so wie es ist, wir haben uns, wir haben unsere Zeitfenster. Ich will das jetzt genießen – mit Dir!“ Ich umarme Beate von hinten und küsse ihren Nacken. Meine Lippen berühren die Kette um ihren Hals und mein Blick fällt wieder auf den goldenen Anhänger, der vor ihrer Brust baumelt. „Das ziehst Du wohl nie aus, was?“ sage ich und tippe ihn an. „Finger weg!“ Beate gibt mit einen Klaps auf die Hand. „Und was das ist, hast Du mir auch noch nicht erzählt.“, schmolle ich weiter. „Ach Lutz“, Beate dreht sich zu mir um. Sie küsst mich. „Du bist wirklich niedlich.“

Beate greift nach dem Anhänger und umschließt ihn schützend mit ihrer rechten Hand. „Das ist ein Zeitwandler!“ „Was? Ein Zeitumwandler wie bei Harry Potter?“, rufe ich. „Du willst mich wohl vereppeln?“ „Nein, will ich nicht. Aber wenn Du mir nicht glaubst, kann ich ja gleich still sein.“ Beate lächelt mich an und ihre Augenfalten beginnen wieder zu tanzen. Ich nicke. Natürlich. Mir hat ja auch niemand geglaubt, als ich von Zeitfenstern erzählt habe – oder damals, als ich wissen wollte, wie man die baut. „Nicht alles, was fantastisch klingt, ist es auch“, beginnt Beate und nimmt meine Hand. „Schau, hier in der Mitte ist eine Sanduhr. Winzig klein. Das ist die Zeit, die abläuft. Meine Zeit. Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Woche, Monate, Jahre. Wie du siehst, ist meine Uhr noch mehr als halb voll. Ich habe also noch ein bisschen Zeit vor mir. Was gut ist. Bewege ich die beiden äußeren Ringe so, dass sie sich im 90 Grad Winkel kreuzen und die Sanduhr waagerecht liegt, halte ich meine Lebenszeit an. Nicht die Zeit draußen, deine Zeit oder die meiner Patienten. Nein. Meine eigene Lebenszeit.“ „Und wann stoppst Du deine Zeit?“ will ich wissen. „Immer dann, wenn ich den Moment noch etwas länger genießen möchte. Noch etwas verweilen will. So wie mit Dir an unserem ersten Treffen auf der Dachterrasse. Das war so ein Moment.“ Sie schließt kurz die Augen und ich fühle wieder jenen ersten Kuss. Orangenschalen. „Ich darf das aber nicht zu oft machen“, fährt Beate fort. „Denn dann verklumpt der Zeitsand und ich bleibe hängen. Stecke fest in einem Zeitloch oder verliere rasend schnell Zeit. Das kann gefährlich werden für mich. Lebensgefährlich!“ Ich muss sie erschrocken angeschaut haben, denn Beate beruhigt mich sofort: „Keine Angst Lutz, ich hab das im Griff!“ Sie küsst mich wieder. „Und wo hast Du das Ding nun her?“, will ich jetzt noch wissen. „Das erzähl ich Dir ein anderes Mal.“ Beate springt auf. „Komm lass uns mal nach Ernst schauen.“

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