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Erinnerungen in die Zukunft

Reflexion über den kreativ-biografischen Schreibworkshop „Lebenswege“ am 3. Dezember in Trier mit Teilnehmern aus dem Netzwerk von nestwärme e.V. Deutschland

Vom ersten Moment an haben mich die Brown Sisters ergriffen, wie eine Hand, die einen Ball umschließt: 40 Schwarz-Weiß-Fotos von vier Frauen, die mit jedem Bild ein Jahr älter werden. Ganz langsam. Unaufhaltsam. Fotografiert hat sie Nicholas Nixon, der Ehemann der Ältesten. Das erste entstand 1975 – da war Heather 23, Mimi 15, Beverly 25 und Laurie 21 -, das letzte 2004. Immer in der gleichen Reihenfolge sind die Schwestern zu sehen, jedes Foto repräsentiert ein Jahr. 40 Fotos, in denen die Spur der Zeit erst unmerklich, aber dann irgendwann doch unerbittlich ihren Abdruck hinterlässt, wie ein wiederholter Biss, der nicht mehr verblassen kann. Jedes Mal bin ich aufs Neue erstaunt, wann genau diese Veränderung startet, wann genau sie passiert sein mag, und blättere vor und zurück auf der Suche nach dem entscheidenden Jahr. Das es nicht gibt. Oder mir entgeht.
40 Jahre Schwesternschaft. Nähe, die wächst. Umarmungen, die enger werden. Was haben sie erlebt? Was ist geschehen in den Lücken zwischen den Aufnahmen? Ich weiß es nicht, und doch ist unübersehbar etwas passiert: Leben hat statt gefunden und spiegelt sich in den Augen und Mündern, der Haut, den Figuren, ja der Mode. Doch über allem Vergänglichen steht für mich etwas sehr Tröstliches, das niemals verblasst: die Schönheit dieser Frauen. In ihrem puren Sein. Im Älterwerden.

In meinem Schreibworkshop „Lebenswege – Erinnerungen in die Zukunft“ habe ich die Brown Sisters deshalb dazu geholt. Rund 15 repräsentative Fotografien erzählen stumm von ihrem Weg und werfen Fragen bei den Teilnehmern auf: nach dem „Wie altern?“. Nach dem Verlust der Jugend. Und ja, auch nach dem Tod, der unvermeidbar näher rückt. Sie repräsentieren Lebensthemen: Geschwisterschaft. Verbundenheit. Liebe. Schönheit. Und sie laden zur schreibenden Reflexion darüber ein. Textimpulse durch Gedichte von Herman Hesse, Rainer-Marie Rilke und Mascha Kaléko bieten hierfur Stufen, Ringe und Wegweiser zur eigenen Sprachfindung. Zu Worten, die das Schauen und Empfinden in ein Kleid packen, und ihnen eine Gestalt geben.

Es sind berührende, tiefgehende, poetische, schmerzhafte, heilsame Worte, die ihren Weg vom Kopf über die Hand auf das Papier finden.

Sie tragen die Gemeinschaft der Schreibenden und öffnen die Tür, Empfindungen zuzulassen und anzunehmen. Die Brown Sisters halten uns einen Spiegel vor unsere eigenen Bilder im Fluss der Jahre und wir begegnen uns darin selbst.

Wir legen nun unsere eigene Lebensspur aus Ereignissen und Fotografien, die die Teilnehmer mitgebracht haben. Zeugnisse vergangener Momente, Schnappschüsse, die beim Betrachten ihre Signifikanz zurück gewinnen, weil sie exemplarisch für ein wichtiges Lebensthema stehen: die Beziehung zu sich selbst, dem kleinen Kind in uns. Zu den geliebten Eltern und der eigenen Elternschaft. Zur existentiellen Verbindung mit den Geschwistern. Zu schmerzhaften Verlusten, die uns nicht verschonten. Aber auch zu vollen, glücklichen Ereignissen unserer Kindheit, Jugend und Erwachsenenalters, die das Leben in der Waage halten. Die uns bis heute stärken, wenn wir uns nur an sie erinnern und uns ihnen bewusst gewahr werden: „Ja, das war doch auch!“

Wir erstellen und gestalten ein „Lebens-Album“ mit diesen Fotos und gehen schreibend in eine Auseinandersetzung mit ihnen als Repräsentanzen. Versöhnlich. Verstehend. Schonunglos. Im Prozess des Schreibens vollzieht sich ein Dialog mit dem inneren Erleben und ein Erkenntnisgewinn, der sich heilsam über den eigenen Lebensweg legt. Ein Album, das mehr ist als seine eingeklebten Fotografien. Es atment in jedem Blatt und jedem Wort Erinnerungen aus der Vergangenheit hinein in eine Zukunft, die nicht umkehren will, sondern weiß, woher sie kommt und wer sie ist.

Im Jetzt.

Schreibworkshop Lebenswege

Gestalten eines eigenen Albums

Mein Album der Erinnerung

Die Blätter des Albums gestalten

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Warum überhaupt schreiben?

Schreiben? Warum ist das eigentlich so etwas Besonderes? Machen wir doch alle tagtäglich, oder? Ja und Nein. Wir alle schreiben täglich E-Mails, tippen SMSen oder posten eine Nachricht auf Facebook. Diese Art von Schreiben unterscheidet sich jedoch grundlegend vom kreativ-biographischen Schreiben, wie ich es anbiete in meinen Workshops: Zum Einen schreiben wir hier mit der Hand und einem Stift und verbinden so unsere Motorik mit dem Gehirn. Zum anderen beschäftigen wir uns mit „unseren“ Themen, Dingen, Erlebnissen, die uns berühren und die wir, mittels der Kraft unserer Worte, bearbeiten, neu erleben oder klären können. Das ist heilsam für unsere Seele, berührt uns tief und macht zudem auch noch Spaß!

Die heilsame Wirkung von Schreiben wird zunehmend wissenschaftlich untersucht und auch in therapeutischer Arbeit genutzt.

  • Schreiben ist ein Vorgang mit allen Sinnen und spricht Körper, Geist und Seele an.
  • Schreiben hilft der Bewusstwerdung von Themen, die uns beschäftigen, und damit der Veränderung.
  • Schreiben ist mutig, denn jeder Text ist eine Botschaft an sich selbst oder an andere.
  • Schreiben ist Probehandeln, denn wir können uns im Schreiben ausprobieren und so tun, als ob.
  • Schreiben hat einen positiven Einfluss auf unser Gehirn.

Was ist „Schreiben als Kunst“?
„Schreiben als Kunst“ verbindet kreatives Schreiben mit künstlerischem Gestalten: Text trifft auf Farben, Formen und Material. Es werden Objekte gestaltet, die den Texten eine visuelle Heimat geben. Dazu gehören kleine Bücher, Karten, Lesezeichen oder Triptychons. Wir nutzen Farben, Collagematerial, Schere und Klebstoff.

Worin unterscheidet sich der Ansatz zu anderen Schreibkursen?
Die Teilnehmerzahl ist klein, so dass ein intensiver persönlicher Austausch möglich ist als Teil des Konzeptes. Ziel von „Schreiben als Kunst“ ist eine persönliche Selbsterfahrung, das Entdecken der eigenen Schaffenskraft, Zugang zu sich und seinen Gefühlen zu bekommen – denn wir arbeiten stets mit einem lebens-biographischen Ansatz.

Brauche ich Vorerfahrungen im Schreiben?
Nein, es geht nicht darum, Romane oder Kurzgeschichten zu schreiben, sondern frei von der Seele weg – ganz ohne Bewertungen und literarische Regeln.

Ich schreibe eigentlich gerne, weiß aber nicht was …
Keine Angst, genau dann sind Sie richtig. Durch aufeinander aufbauende Übungen kommen Sie ins Schreiben und Sie werden selbst überrascht sein von Ihrer eigenen Kreativität.

Was muss ich mitbringen?
Offenheit und die Lust, sich selbst auf dem Papier zu begegnen – im Schreiben und im Gestalten. Und ganz praktisch: eigene Schreibsachen wie Kugelschreiber, Füller und einen Block oder Heft.

Für wen ist das Angebot?
Für jeden, der gerne schreibt und kreativ ist. Für Menschen, die sich gerne mit ihren Lebensthemen auseinandersetzen, biographisch arbeiten, Spaß an neuen Kreativ-Techniken haben – und Schreiben mit allen Sinnen erfahren möchten.

Wie ist der zeitliche Rahmen?
Grundsätzlich ermöglicht ein Tagesworkshop oder mehrtägiger Workshop ein intensiveres Arbeiten. Ein fortlaufender Kurs am Abend in kürzeren Einheiten gibt dagegen die Chance auf einen längeren Prozess. Möglich sind auch Einzelsitzungen im Sinne einer persönlichen Beratung.

Wie viele Teilnehmer sind in einem Workshop?
Teil der Erfahrung ist der intensive Austausch in der Gruppe. Wir lesen uns unsere Texte gegenseitig vor und nehmen Anteil an anderen – ganz ohne Bewertung. Um eine geschützte, persönliche Atmosphäre zu schaffen und für jeden Teilnehmer die besondere Qualität dieser Erfahrung zu erzielen, liegt die Mindestteilnehmerzahl bei 3, die maximale Teilnehmerzahl bei 6.

Was kostet der Schreibworkshop?
Tagesworkshop Erwachsene ca. 9-10 h: 149,- €
Tagesworkshop Kinder 6 h: 70,- €
Fortlaufender Kurs: 4 x 2,5 h: pro Abend 35,-€ (bei Buchung von 4 Terminen 120 €)
Alle Preise inklusive Materialien und Mehrwertsteuer.

Lerne den Augenblick zu ergreifen.
Schleiche dich nicht davon.
Sammle deinen Geist dort, wo du bist, mit einem für den Augenblick geschärften Bewusstsein.
Dort ist es, wo wir sind.
Es gibt keinen anderen Ort als hier.
(Drukpa Rinpoche)

Samuel Dickes hat einen 14-jährigen Sohn. Wie viele in seinem Alter, interessiert sich der Junge für Playstation 4, Youtube und Netflix und verbringt seine Freizeit am liebsten mit vier Händen an einer Tastatur. Aber dann passierte etwas, was beide gleichermaßen überraschte: Kurzfristig nahm der 14-Jährige am Schreibworkshop „Wortspiele Vol. 2 für Kinder und Jugendliche“ bei nestwärme e.V. Deutschland in Trier teil – und fand es nicht nur schöner als das Spielen, sondern dankte seinem Vater auch noch, dass er ihn dort hingeschickt hatte. Was will ich mehr?